Montag, 5. Dezember 2011

John Grisham: Das Fest



Originaltitel: Skipping Christmas
Übersetzer: Michélle Pyka
Hardcover, 208 Seiten
Heyne, 2006
ISBN: 978-3-453-81061-7

Beschreibung:
Keine endlosen Weihnachtsfeiern, kein aufwändiger Lichterschmuck in Haus und Garten, keine zusätzlichen Kilos durch Festessen, keine Karten, keine überflüssigen Geschenke - statt dessen eine luxuriöse Kreuzfahrt durch die Karibik! Diesen großartigen Plan fassen Luther und Nora Krank, als ihre Tochter zum ersten Mal seit Jahren Weihnachten nicht zu Hause verbringt. Doch der Weihnachtsboykott erweist sich als schwierig - Freunde, Kollegen und Nachbarn sind entsetzt. Nora und Luther werden unerwartet zu verachteten Außenseitern.

Erste Sätze:
Der Flugsteig war überfüllt mit müden, entnervten Reisenden. Die meisten lehnten an den Wänden, da die magere Anzahl von Plastikstühlen schon lange besetzt war. Obwohl jeder der her startenden und landenden Maschinen mindestens achtzig Personen beförderte, gab es im Wartebereich lediglich Sitzgelegenheiten für ein paar Dutzend.

Meine Meinung:
Nachdem ihre Tochter Blair als Entwicklungshelferin nach Peru gereist ist und Weihnachten nicht nach Hause kommen wird, beschließen Luther und Nora Krank dieses Jahr Weihnachten nicht zu feiern und nicht wie in den letzten Jahren mehrere tausend Dollar dafür auszugeben, sondern nur etwa die Hälfte des Betrages zu nehmen und sich davon eine Kreuzfahrt zu gönnen. Als ihr Plan jedoch bekannt wird, reagiert ihr gesamte Bekanntenkreis und die Nachbarschaft mit komplettem Unverständnis und versuchen mit allen (nicht immer nur netten) Mitteln die Kranks doch zum Feiern zu bringen. Doch diese bleiben standhaft. Bis an Heilig Abend das Telefon klingelt...

Die erste Hälfte des Buches hat mir gut gefallen. Grisham erschafft mit den Kranks, die Weihnachten das erste Mal allein sind und deswegen nicht feiern wollen, einen interessanten, unbeteiligten Blickwinkel auf das Weihnachtsfest und das ganze was dazu gehört und kann aus dieser Perspektive gut den Wahnsinn aufzeigen und kritisieren. Natürlich ist - zumindest hoffe ich das - einiges übertrieben oder wenigstens nicht der amerikanische Durchschnitt (ich kann und will mir nicht vorstellen, dass es in den USA normal ist für Weihnachten 6.000 und mehr Dollar auszugeben) und schon gar nicht einfach so auf deutsche Verhältnisse zu übertragen, aber trotzdem treffen viele Kritikpunkte grundsätzlich zu. Die ganze Hektik und viele Geschenke, die Beleuchtung, die jedes Jahr toller sein muss, als vorher und so weiter.

Und dann kam die zweite Hälfte des Buches, die alles wieder zunichtemachte, was in der ersten aufgebaut wurde. Was in mir das Gefühl weckte, das Buch gegen die Wand zu werfen vor Wut. Und das kommt nur selten vor. Aber hier wurde in der ersten Hälfte so viel Potential aufgebaut, aus dem man wirklich eine kritische und zugleich unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem Konsumverhalten an Weihnachten hätte machen können. Aber Grisham lässt all dieses Potential einfach verpuffen. Ich hatte bis zum Ende gehofft, dass es da nochmal die Kurve bekäme, aber vergebens,

Achtung Spoiler, weil stark auf das Buchende eingegangen wird:
Dass Blair doch zu Weihnachten kommt und sie deswegen nicht auf die Kreuzfahrt wollen, okay. Das kann ich ja noch verstehen. Aber dass Grisham dann seine Figuren wieder direkt trotz aller von ihnen vorher geübter Kritik genau in das alte Muster mit wirklich allem (Party, Essen, Wahnsinnsbeleuchtung, teure Geschenke) zurückfallen lässt, hat mich nur enttäuscht. Was ist da die Botschaft des Buches? Hör auf dich gegen den Konsumwahn zu wehren oder ihn auch nur zu kritisieren, du wirst eh nur zu nem angegriffenen Außenseiter, den jeder hasst - aber wenn du mitmachst, wird alles gut, auch wenn du wegen der ganzen Hektik einen Herzinfarkt bekommst und deine Schulden nie abbezahlen kannst. Na vielen Dank auch.
(Von dem leicht mitklingenden Rassismus gegen Blairs peruanischen Verlobten und dem wahnsinnig kitschigen Weitergeben der Kreuzfahrt an die - natürlich todkranken - Nachbarn, will ich gar nicht anfangen. Und das nicht geklärt wurde, wer Marty ist.)
Man hätte das Buch so schön mit einem Kompromiss enden lassen können. Keine Kreuzfahrt und keine Konsumweihnacht, sondern besinnlich, ruhig. Nur die Kranks mit Blair und ihrem Verlobten, ein ganz normales Essen, vielleicht ohne großen Aufwand etwas Weihnachtsdeko - aber vor allem einfach das Beisammensein und miteinander reden. Aber nein, es gibt ne Riesenparty, auf der keiner den anderen kennt.
Ende des Spoilers

Das Buch wird als urkomisch beschrieben, als was ich es jetzt zu keiner Zeit empfand. Das hat mich aber nicht übermäßig gestört, man sollte durch die Bewerbung aber keine falschen Erwartungen hegen. Es gibt zwar einige Slapstick-Situationen für Nora und Luther, aber die empfand ich eher als zum Fremd schämen und nicht lustig. Allerdings kann ich auch über Sitcoms nur sehr selten lachen, das Problem kann also auch sehr wahrscheinlich an meinem Humor und nicht dem Buch liegen. Ansonsten ist der Schreibstil aber sehr angenehm und flüssig, wie von jemand mit Grishams Erfahrung ja auch zu erwarten.

Insgesamt bin ich dank der zweiten Hälfte ziemlich enttäuscht und von Grisham besseres gewöhnt. Aber gut, es war von seiner Seite auch ein Ausflug in eine völlig andere Thematik, was das wohl zu Teil erklärt. Aber ich werden mich in Zukunft wohl auf seine Justizthriller beschränken, da ich vor Jahren schon von "Der Farm" nicht wirklich begeistert war.
Dank der deutlich besseren ersten Hälfte gerade noch 3 Sterne.

2 Kommentare:

Neyasha hat gesagt…

Hm, das klingt ja tatsächlich nicht so prickelnd. "Die Farm" mochte ich eigentlich ganz gern, aber insgesamt bin ich schon ein wenig Grisham-müde und mit diesem Roman hier habe ich wohl auch nicht das große Meisterwerk verpasst ...

Mailin hat gesagt…

Nee, es ist wirklich nichts besonderes. Die Grundidee hat viel Potential, aber mit dem Schluß wird es einfach eine weitere kitschige Weihnachtsgeschichte, von denen es viele gibt. Kein Vergleich zu seinen Gerichtsromanen.