
Softcover, 907 Seiten
Lübbe, 2009
ISBN: 978-3-404-16069-3
Beschreibung:
Er weiß nicht, wer er ist, und so nennen sie ihn Losian. Mit einer Handvoll anderer Jungen und Männer lebt er eingesperrt in einer verfallenen Inselfestung vor der Küste Yorkshires. Als eine Laune der Natur ihnen den Weg in die Freiheit öffnet, wagen sie die Flucht zurück aufs Festland. Ein Abenteuer beginnt und eine Suche - und Losian muss fürchten, dass er den grauenvollen Krieg verschuldet hat, unter dem ganz England leidet.
Erste Sätze:
"Sieh dich um, du Ausgeburt der Hölle", knurrte der Mönch. "Wirf einen letzten Blick auf die Welt." Unwillkürlich folgte Simon der Aufforderung, obwohl er sich vorgenommen hatte, genau das nicht zu tun. Er blieb stehen, wandte sich um und blickte zurück über die rastlose, aufgewühlte See.
Meine Meinung:
Simon, der an Fallsucht leidet, wird von Mönchen gegen seinen Willen von Mönchen auf einer Insel eingesperrt, gemeinsam mit anderen körperlich oder geistig Behinderten. Darunter auch Losian, der sich nicht an seine Vergangenheit erinnern kann. Dank einem Unwetter können sie sich jedoch befreien und die Insel verlassen. Doch zurück in England erwartet sie Ablehnung und einige unangenehme Überraschungen. Aber dann endlich findet Losian sein Gedächtnis zurück und alles scheint sich zum Guten zu ändern. Für lange?
Die Thematik ist vor allem im ersten Drittel völlig anders als bei der Waringham-Reihe, aber trotzdem kam mir das Buch von Anfang an sehr vertraut vor. Nicht inhaltlich, aber scheinbar hat Frau Gablé einen ganz typischen Stil. Was aber keinesfalls eine negative Anmerkung sein soll, ich fand das Gefühl toll. Wie ein nach Hause kommen zu etwas Vertrautem.
Wie schon früher schafft sie es sehr geschickt echte Personen und ihre fiktiven Protagonisten geschickt miteinander zu verweben und in die Mischung auch historische Ereignisse einzuflechten.
Dass sie dabei eine im Mittelalter eher ausgeschossene und verachtete Gruppe in den Mittelpunkt stellt, hat mir gut gefallen und ergibt einige neue Perspektiven auf das Leben im Mittealter ebenso wie die damaligen Ansichten und Einstellungen.
Die Charaktere sind zum Teil recht schwarz-weiß gezeichnet, besonders Simon und Losian. Stellenweise hätten sie eigentlich selbst von ihrem Moral- und Gerechtigkeitssinn und ihrer Großzügigkeit genervt sein müssen, so ausgeprägt war der. Aber trotzdem hat es mich nicht wirklich gestört. Es ist zwar aufgefallen, aber mehr auch nicht. Allerdings muss ich sagen, dass die weniger einseitig dargestellten Personen wie Regy oder Haimon auch deutlich lebendiger wirken als Loisan oder Simon.
Was mir aber gar nicht gefallen hat war das mystische Ende der Handlung um King Edmund. Das passte für mein Empfinden überhaupt nicht zum Rest der realistischen Handlung und eher sachlich-medizinischen Annäherung an die Behinderungen der Hauptfiguren und ihre möglichen Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten. Auch wenn es natürlich an sich eine interessante Idee ist, die viel Raum zu Spekulationen bietet, so empfand ich sie hier als fehl am Platz.
Insgesamt ein tolles Buch mit ungewohnter Thematik für historische Romane, besonders in der ersten Hälfte. Und auch wenn die zweite Hälfte eher konventionell ist, kann ich es nur weiterempfehlen.
Vor 2 Stunden

6 Kommentare:
Ich habs auch gelesen und fand Regy am interessantesten. Auch wenn er der 'Mieseste' der Bande ist. Was ich bei Frau Gablè so schön finde, ist die Tatsache, daß sie Worte der deutschen Sprache benutzt, die so schon lange nicht mehr verwendet werden, also im heutigen Sprach- und Lesegebrauch nicht mehr aktuell sind. Ich empfinde das als sehr, sehr schön.
Ja Regy ist eben auch der differenzierteste Charakter von allen. Ich denke das macht es dem Leser einfacher ihm gegenüber Interesse zu entwickeln.
Und mit dem Verwenden der Wörter hast du, glaube ich, genau das erfasst, was ich nicht benennen konnte. Die Verwendung von eher ungewohnten Wörter könnte es sein, was dieses vertraute Gefühl direkt am Anfang bei mir weckte.
Mich hat das bei diesem Roman wirklich sehr gestört mit den einseitig gezeichneten Figuren - nicht nur die unerträglich Guten, sondern auch, dass Gablé immer besonders fiese, platte Böse hat (und damit meine ich nicht Regy).
Ich fand "Hiobs Brüder" vor allem in der ersten Hälfte durchaus vielversprechend, aber ich habe bei diesem Roman gemerkt, dass mich manche typischen Merkmale von Gablé von Roman zu Roman mehr gestört haben, bis ich regelrecht genervt war.
Schade, aber ich glaube, "Hiobs Brüder" war das letzte Buch, das ich von ihr gelesen habe.
Und irgendwie scheinen außer mir alle den Roman toll zu finden. Ich fühl mich schon ganz einsam. ;-)
Ich kann dich schon verstehen. Diese Einseitigkeit ist ein großer Schwachpunkt bei ihr und ich denke, einer der entscheidenden Faktor, ob man das Buch mag oder nicht.
da stimme ich Neyasha zu: Am Anfang war ich noch hin und weg vom Buch, aber nach der Aufdeckung von Louisans Identität ging es für mich steil abwärts. Das war mir alles zu eindimensional und platt. Außerdem war es zum Ende hin auch wieder sehr 08/15 wie in vielen anderen Büchern von ihr. Deswegen gab es damals von mir auch nur 4 Sterne.
Die erste Hälfte ist ohne Zweifel besser / interessanter als die zweite. Die ist mehr so "Standard-Gable".
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